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Willkommen beim Film

Unter Werbern werden oft die tollsten Geschichten vom Set erzählt. Wer das größte Budget verbraten
hat, wie schwierig der Regisseur war, welche Schauspielerin ohne Make-up wie aussieht, wie dem
Kunden die wochenlangen Luftaufnahmen auf den Seychellen aus dem Kreuz geleiert wurden oder
wie man der ganzen Agentur mal wieder im Alleingang den Arsch gerettet hat. Klar, könnte ich da
mitreden, aber Angeberei und Name-dropping sind nicht meine Sache. Mich macht dieses Getue
immer nur nachdenklich, denn ich hatte gleich bei meinem ersten Filmdreh ein wirklich elementares
Erlebnis: Eine Begegnung mit ... (dramatische Pause) ... Gott.

(gespannte Stille)

Also gut, wenn Sie es unbedingt wissen wollen, es war so: Zusammen mit meinem Teampartner Erik Hart hatte ich für Gauloises Blondes einen Film geschrieben, der in einem klassischen Pariser Café voller skurriler Gestalten spielen sollte. Im Skript und im PPM hatten wir immer wieder größte Authentizität angemahnt, also kam nur ein einziger Drehort in Frage: Prag.

Hingekommen sind wir an Bord einer winzigen Turbopropmaschine mit der vertrauenserweckenden Aufschrift „Augsburg Air - Official Carrier of the Augsburger Puppenkiste“. Wie am Faden gezogen (haha) erreichten wir darin die Goldene Stadt an der Donau. Wer würde angesichts dieser Pracht nicht sofort ausrufen: „An der Moldau, Dummkopf! Prag liegt an der Moldau!“ Und ich würde antworten: „Das war nur ein kleiner Aufmerksamkeitstest. In Wirklichkeit bin ich gar kein Dummkopf.“ Zum Beweis würde ich kurz die Geschichte der berühmten Astronomischen Uhr von Prag zum besten geben, die gewiß kein Dummkopf je so schön erzählt hat:

Jede Nacht um 22 Uhr kann man auf dem Altstädter Markt zu Füßen der Teynkirche ein Spektakel bewundern, das auf der Welt seinesgleichen sucht. Da versammeln sich unzählige Touristen vor der Westfassade des Altstädter Rathauses und starren wie gebannt zur Astronomischen Uhr empor. Dann beginnt ein angenehm helles Glöcklein ganz gemächlich die Stunde zu schlagen, und kaum ist der zehnte Schlag verklungen, passiert überhaupt nichts mehr. Dann dauert es noch etwa eine geschlagene Viertelstunde, bis die Menge akzeptiert, daß wirklich nichts mehr kommt, und man geht kopfschüttelnd auseinander.

Hätten wir uns um 21 Uhr versammelt, wäre die Sache ganz anders abgelaufen. Die Fassade wäre auf wundersame Weise zum Leben erwacht; zunächst hätte Gevatter Hein mit knöcherner Hand seine Sanduhr umgedreht, und den Sterblichen unter uns wäre ihr eitles Tun und Streben allegorisch vor Augen geführt worden: Ein selbstverliebter Geck hätte sich im Spiegel bewundert, ein Geizkragen hätte sorgenvoll in seinen Beutel gespäht, die Totenglocke wäre erklungen, und schließlich hätten sich zur Erlösung aller die himmelblauen Fensterläden über dem Zifferblatt aufgetan, um den Blick auf das Defilee des Herrn Jesus Christus und der zwölf Apostel freizugeben. danach wären alle Figuren wieder erstarrt, die Taschendiebe hätten sich verkrümelt, und zurückgeblieben wäre ein Gefühl von Vergänglichkeit und Leere in zahlreichen Handtaschen. Aber so war's nicht, denn wir waren zu spät dran und mußten alles im Reiseführer nachlesen.

Wie wir bei dieser Gelegenheit erfahren haben, sind die vielen Figuren mit ihrer raffinierten Choreographie zwar schön anzuschauen, doch liegt die wahre Bedeutung der Astronomischen Uhr überraschenderweise darin, daß sie eine astronomische Uhr ist. Erschaffen wurde sie im Jahre 1410 von dem legendären Meister Hanus, einem Mann, der bis heute bekannt dafür ist, daß man seinen Namen mit einem umgekehrten Dächlein über dem s schreibt, wenn man eine tschechische Tastatur hat. Mit seinem Werk war Hanus der Zeit weit voraus. Allein das Zifferblatt mit seinen beweglichen Zonen stellt eine bis heute unübertroffene mechanische und wissenschaftliche Leistung dar. Es zeigt Datum, Uhrzeit, Mondphasen, Schaltjahre und Handy-Tarife.

Bemerkenswert ist auch die weitere Geschichte des Meister Hanus. Nachdem er die Uhr vollendet hatte, waren die weltlichen und geistlichen Herren Prags zwar mehr als zufrieden, doch wurden sie auch von einer großen Sorge geplagt: „Da besitzen wir nun die erstaunlichste Uhr auf Erden,“ sagten sie, „was aber ist, wenn Meister Hanus in einer anderen Stadt ein noch erstaunlicheres Werk vollbringt?“ Kurz wurde erwogen, dem Meister ein ansehnliches Gehalt anzubieten und ihn auf Lebenszeit an Prag und die Instandhaltung seiner Uhr zu binden; doch dann siegte die Vernunft: Man ließ den genialen Mechaniker zu sich kommen und stieß ihm zwei glühende Eisen in die Augen. Da zeigt sich einmal mehr: Das Mittelalter war eine unkomplizierte Zeit mit einem frischen Sinn für praktische Lösungen.

Im heutigen Prag ist so etwas natürlich undenkbar - es sei denn, man hat Kontakte zu einer Mafiafamilie mit ausgeprägtem Hang zur Nostalgie. Eine solche könnte es auch gewesen sein, die das Stadtviertel beherrschte, in dem unser Hotel lag. Zum Schutz der Gäste verfügte es über einen ansehnlichen Fuhrpark westlicher Nobelkarrossen, die jeden, der es wagte, einen Fuß vor die Tür zu setzen, sofort und ungefragt in eine vermeintlich sichere Gegend (z.B. München) verfrachteten. Eine weitere Vorsichtsmaßnahme bestand darin, die wertvollsten Gäste in einem separaten Trakt unterzubringen, dem „Executive Wing“ oben auf einem kleinen Hügel mit einem schönen Blick über die Brücken der Seine (haha). Vom eigentlichen Hotel gelangte man mit einer kleinen Standseilbahn auf diese Insel der Glückseligen.

Und genau jetzt, da auch der geduldigste Leser alle Hoffnung fahren läßt, schließt sich der Kreis: Denn laut einer blankgewienerten Messingtafel war die Seilbahn erst wenige Tage zuvor eingeweiht worden, und zwar von niemand geringerem als - man ahnt es bereits - Hurvinek und Spejbl.

Nein, im Ernst: Es war natürlich Gott.

Jawohl. Karel Gott. Mister Biene Maja himself. Persönlich. Jedenfalls fast. Wir haben uns nur haarscharf verpaßt. Ehrlich.